Der Rostinger Hof

Auch dies ist eine lange Seite. Wer nicht alles nacheinander lesen will, kann sich gleich zu einzelnen Abschnitten durchklicken.

Ein etwas philosophischer Vorspruch

Das Dorf Rostingen

Wie wir an den Rostinger Hof kamen

Aus der Geschichte des Rostinger Hofs

Der Ortsname "Rostingen"

Der Rostinger Hof heute

Kleine Anekdote von der Vergänglichkeit

Fotos und eine Straßenkarte als Wegweiser

 

Zunächst also: ein etwas philosophischer Vorspruch:
Beim Nachdenken über diese Homepage ist mir bewußt geworden, welche Bedeutung der "Rostinger Hof" für mich, für uns hat. Denn nüchtern betrachtet hat er ja nichts so Besonderes, daß man ihn irgendwie hervorheben müßte. Für andere Leute und ganz sicher für unsere Nachbarn, die ihn seit ihrer Geburt kennen, ist er eben einer von mehreren Bauernhöfen im kleinen Dorf Rostingen. Vielleicht sehen sie ihn sogar mit mitleidigen Augen, weil er der erste hier war, der zu Beginn der Umstrukturierung der Landwirtschaft in den 60er Jahren aus der Höfeordnung herausgenommen und dann nach einer Weile an Stadtleute ( uns) verkauft wurde. Nein, obwohl ich mit diesen Zeilen auch dem alten, vergangenen Hof der Familie Wiesgen, die ihn erbaut und 125 Jahre lang bewirtschaftet hat, ein Denkmal setzen möchte, ist mir doch klar, daß der "Rostinger Hof" gerade in dieser Benennung einen irrealen oder doch sehr auf Gefühlsmomente gegründeten Charakter bekommen hat.
Für uns Städter (aus der Kleinstadt Bonn bzw. dem "großen Dorf" Nagoya
mit seinen zweieinhalb Millionen Einwohnern) war es schon eine Veränderung, in das Dorf Rostingen zu ziehen. Es war für uns zugleich aber auch eine Art Rückkehr in eine lange geträumte bäuerliche Existenz. Ich habe nie vergessen, daß meine fernen Vorfahren mütterlicherseits, die mein Leben in vieler Hinsicht beeinflußt haben, Bauern gewesen waren (auf einem Buchenhof - Bockhoop - in der Umgebung von Bremen). Und Yoshie, meine Frau, ist sogar in einem echten Dorf in der wunderschönen alten japanischen Kulturlandschaft von Kumano geboren. Auch wenn sie wie gesagt in der Millionenstadt aufgewachsen ist, hatte sie von uns beiden auch die stärkste Affinität zum Landleben, und von ihr habe ich allmählich mit dem Lande und mit dem Handwerk umzugehen gelernt.

Schließlich habe ich mir eine Philosophie zurechtgemacht, die eine Existenz ohne das ganzheitliche Leben, wie es uns unser Hof auferlegt, nicht mehr möglich erscheinen läßt. Ich denke, daß auch Yoshie mir darin zustimmt, daß unser Leben dadurch einen tieferen Sinn bekommen hat, daß wir säen und ernten und vom selbst Angebauten leben, so weit es geht; daß wir auch unser Brot (aus dem selbstgemahlenen Schrot) selbst backen; daß wir die nötigen Reparaturen an Haus und Hof selbst vornehmen. Daß wir aus weitgehend bodenständigen Materialien Töpferwaren produzieren, die wir selbst benutzen (und auch zu verkaufen suchen). Und daß wir schließlich unsere meist städtischen Freunde ab und an hier versammeln, um die Idylle mit ihnen zu teilen. Alles das macht uns der "Rostinger Hof" möglich.

Aber wir wissen natürlich auch, daß wir dieses "ganzheitliche Leben" seit dem Kauf des Hofs vor fast 40 Jahren nur deshalb führen konnten, weil uns die Einkünfte meines bürgerlichen Berufs als Bonner Büroangestellter dieses Doppelleben erlaubten. Mein Fall ist heute nicht mehr untypisch. Ich denke, daß bei der fortschreitenden Umschichtung der Berufsstrukturen in unserer Zeit immer weniger Menschen wirklich "ganzheitlich" existieren können, wie es die Bauern früher taten, daß aber andererseits die Zahl derer, die den Sprung dorthin wie wir tun, weiter zunehmen wird. Für sie wie für uns werden "Rostinger Höfe" Inseln der Freiheit sein, auf denen sie sich in natürlichen Abläufen fleißig um das tägliche Brot bemühen dürfen - ohne den Schicksalen der Bauern früherer Jahrhunderte - und auch unserer Zeit - ausgeliefert zu sein. Und von diesen ihren Inseln der Freiheit werden sie auch hinüberschauen in die anderen Formen unserer Gesellschaft und von Fall zu Fall daran teilhaben.

Das Dorf Rostingen
Seit den ersten Nachkriegsjahren, zumindest seit wir 1975 hierhergekommen sind, hat sich das Dorf Rostingen in seiner Größe kaum verändert, während die nahen Orte Aegidienberg und Oberpleis und auch die in Sichtweite liegenden Dörfer Eudenbach, Wülscheid und Quirrenbach kräftig gewachsen sind und einigermaßen städtischen Charakter angenommen haben. Das liegt daran, daß das weite Tal um uns herum als landwirtschaftliches Nutzungsgebiet deklariert ist und Neubauten nicht genehmigt werden. So ist alles nach wie vor grün und weitläufig. Weiden wechseln mit Waldstücken ab, und von überall, auch von unserem Haus, hat man einen herrlichen freien Blick auf das Siebengebirge. Wenn man will, kann man in einer guten Wanderstunde auf der Löwenburg, dessen schönstem Aussichtsberg, sein. Nach Bonn, unserer Einkaufs- und Kulturstadt, fahren wir in etwa einer halben Stunde durch den Naturschutzpark. Wir sind mit diesem Schicksal, in einem grünen Landwirtschaftsbereich zu wohnen, sehr zufrieden. Die anderen Segnungen der Verstädterung, wie zum Beispiel den Kanalanschluß und die Bushaltestelle vor der Tür, haben wir trotzdem bekommen.

Das Dorf besteht, wenn ich es richtig zähle, aus ungefähr 25 Häusern, etwa ebensoviel Familien, die sich alle nachbarschaftlich gut kennen, und insgesamt gegen 50 Einwohnern. Natürlich hat es sich auch trotz der größenmäßigen Stabilität in den letzten 50 Jahren deutlich verändert. Während bis zur Aufgabe "unseres" Hofs durch die alten Besitzer, einfach gesagt, die Kühe und die Holzverarbeitung seinen Charakter prägten, sind es heute weniger die Kühe, die nur noch ein Bauer hat, als vielmehr Reitpferde, und von vier Holzbetrieben ist nur noch eine (sehr gute) Schreinerei übriggeblieben. Die meisten Berufstätigen arbeiten anderswo.

Mit Diruka machen wir regelmäßig Spaziergänge durch die Wiesen und Felder, durch das Wäldchen mit den Rehen, bis Quirrenbach. Dabei sammeln wir ja nach Jahreszeit Brombeeren und Schlehen für die Marmelade, Champignons und Steinpilze; manchmal schleppe ich dicke trockene Äste zurück, zum Brotbacken. Und es gibt mir zumindest ein gutes Gefühl zu wissen, daß wir hier überall auf gutem Töpferton sitzen. Ich habe schon manche Vase daraus gedreht. An der Straße habe ich mir selbst ein kleines Wäldchen aus Ablegern des richtigen Waldes gepflanzt, das nun, 25 Jahre danach, schon ganz ansehnlich ist. Rostingen ist uns ein wahres Paradies.

Wie wir an den Rostinger Hof kamen
Das ist eine von Stuckenschmidts schönsten Anekdoten: Noch in der ersten Woche nach unserer Ankunft aus Japan im Jahre 1975 (wir wohnten provisorisch in Bad Godesberg) überließen wir eines schönen Juli-Nachmittags unsere drei kleinen Kinder meinen Eltern und besuchten mit Vaters geliehenem VW den DAAD-Kollegen Hans Martin Helfer und seine Familie in Wiersberg hinter Oberpleis. Mit ihm hatte ich schon immer besonders herzlichen Kontakt gehabt, und ich wußte, daß seine Frau in Kobe aufgewachsen war und noch etwas Japanisch sprach; und da Yoshie noch kaum Deutsch konnte, lag es nahe, die beiden Frauen miteinander bekanntzumachen. Außerdem hatte mir mein lieber Kollege ein halbes Jahr vorher die Luftaufnahme seines gerade gekauften Bauernhofs geschickt; und ich war ja dabei, ein Domizil für meine Familie zu suchen. Meine Eltern hatten in meinem Auftrag bereits Kontakt zu einem Makler wegen eines Reihenhaus-Objekts in Meckenheim-Merl aufgenommen. Die Sache war sozusagen unterschriftsreif.

Die Helfers fanden wir in einem unglaublich reizvollen Gehöft, genau gesagt in dem riesigen Garten dahinter unter einem großen Kirschbaum, wo sie uns mit Kaffee und Kuchen erwarteten. Unglaublich war das Ganze, und ich konnte mein Staunen nicht verbergen. Waren sie Millionäre geworden? Nein - überhaupt nicht, und sie verrieten, daß sie das Anwesen, ziemlich reparaturbedürftig zwar, für die Hälfte des Preises erworben hatten, den ich gerade mit dem Meckenheimer Makler vereinbaren wollte. Und wenn ich Interesse an etwas Ähnlichem hätte, sie wüßten von einem anderen Objekt. Ihr Baustoffhändler spielte dabei eine Rolle, ihn könnt man ja mal fragen, ja, jetzt gleich, sie brauchten sowieso einen Sack Zement.

So ließen wir beiden Männer die Japanisch plaudernden Frauen unter dem Kirschbaum sitzen, nachdem wir unseren Kaffee getrunken hatten, und fuhren nach Eudenbach. Der Baustoffhändler K. war zuhause, fand die Frage nicht komisch, fuhr gleich mit uns los, hinunter nach Rostingen - und da waren wir, im Paradies! Wir standen in einem U-förmigen großen Hof inmitten von schwarzweißen Fachwerkbauten. Auf alledem ruhte die warme deutsche Sommersonne. Fliegen summten. Ins Haus und in die Ställe und die große Scheune konnten wir nicht, aber in den Garten - es verschlug mir auch hier den Atem - so riesig und so grün war das alles! Nun sollten wir die Besitzer fragen, die oben in Eudenbach wohnten, ob und wie diese den Hof verkaufen wollten. Aus sie waren da, das Ehepaar Meurer, beim Kaffeetrinken auf ihrem Balkon - dieser Tag muß der schönste in unser aller Leben gewesen sein. Und gern wollten sie, nachdem der Kollege positiv vom DAAD und von mir gesprochen hatte, und sie wollten "noch weniger" von mir dafür haben als ich vorher von den Helfers gehört hatte! Daß ich mich einschließlich Bausparvertrag auf viele Jahre verschulden würde, spielte da keine Rolle mehr, denn alles ist relativ - in Meckenheim wären es noch viel längere Jahre geworden. Per Handschlag (wenn auch juristisch noch nicht ganz verbindlich) kaufte ich den Hof!

Nun mußte Yoshie dafür gewonnen werden, also schnell zurück zu den Frauen. Sie saßen noch unter dem Kirschbaum. "Wir haben einen Bauernhof!" - ich muß gestrahlt haben. Alle ins Auto und wieder hinüber nach Rostingen, wo uns die Meurers erwarteten, um nun auch die Gebäude aufzuschließen. Die Fliegen summten immer noch. Das Paradies überzeugte an diesem Tag restlos. Die Sonnenstrahlen, die wir auch an unpassenden Stellen (im Fachwerk, in den Dächern und sonstwo) hätten leuchten sehen können, denn da gab es reichlich viele Löcher, waren an diesem Tag nur warm und freundlich. Yoshie war sofort einverstanden. Auch sie sah die vielen Möglichkeiten, die uns das Ganze bot, dachte wie ich gleich an das Töpfern, den Garten, die Spielmöglichkeiten für die Kinder. Und so waren wir fast schon Hausbesitzer, als wir an diesem Tag zum dritten Mal bei den Helfers erschöpft ausruhten und schließlich die Kinder bei den erstaunten Eltern abholten.

Als wir dann in den folgenden Wochen aufmaßen, was alles in Rostingen zu tun war - am Dach, an der Isolierung, der Elektrizität, den sanitären Anlagen, der Heizung - da war das schon eine Art Antiklimax. Wir durchlebten sie aber optimistisch. Im Oktober zogen wir ein (zuerst alle in die Küche), und am Heiligen Abend schloß der Installateur Stockhausen die Heizung an. Es ist ein Kapitel für sich, an die Arbeitsleistung allein von Yoshie zu denken, die mit dem kleinen Tomo auf dem Rücken die Wände tapezierte und dazu noch für uns alle sorgte (während ich wieder im DAAD saß)! Aber auch die Nachbarn gaben uns ausnahmslos einen so warmen Empfang, und die Handwerker waren so freundlich und zuverlässig, daß wir uns bei aller Anstrengung sehr wohl fühlten. Und das bedeutete nach den drei Paradiesesjahren in Japan allerhand!

Aus der Geschichte des Rostinger Hofes
Gleich nachdem im Herbst 1975 unser Umzugsgepäck ausgepackt war, hatte ich ein Überraschungserlebnis: In dem großen Knaur-Atlas, einer Bearbeitung des berühmten englischen Times-Weltatlas, fand ich in der Gegend, die nun unsere Heimat werden sollte, unser winziges Dorf Rostingen, nicht jedoch die viel größeren Orte Oberpleis, Eudenbach und Aegidienberg. Wie war so etwas möglich? Bald erhielt ich von unseren Nachbarn die Antwort: Bis wenige Jahre vor unserer Ankunft war Rostingen Endstation einer Bahnlinie gewesen. Die Bahn war weg, und man hatte ihre gezeichnete Linie wegretuschiert, doch die Endstation hatte man stehen gelassen, obwohl deren Bedeutung eigentlich auch weggefallen war. Diese Bahn hatte von Bonn aus als Personenzug bis hier herauf geführt und war dann sogar als Privatbähnchen der Basaltindustrie bis nach Rottbitze weitergegangen. Der relativ große Rangierbahnhof hatte gerade unterhalb unseres Grundstücks gelegen, und die Nachbarn Becher hatten gleich daneben nicht nur eine Schmiede, sondern auch einen Laden gehabt. Ja, und die Wiesgens, in deren Hof wir nun wohnten, seien nicht nur Bauern gewesen, sondern seit langem auch eine Art Fuhrunternehmer; denn mit ihren kräftigen Pferden hätten sie die Quarzitsteine, die oben auf dem Berg bei Eudenbach aus dem Sand gebuddelt worden waren, heruntertransportiert zu diesem Bahnhof, wo sie auf Güterwagen verladen und bis ins Ruhrgebiet verfrachtet wurden, um dort als Isoliermittel in den Hochöfen der Stahlindustrie zu dienen.

Ich erfuhr gleich noch mehr: Das sandige Gebiet da oben, in das ich dann regelmäßig meine Spaziergänge mit Taro, unserem ersten Hund, machte, war die "Rostinger Heide", ein sicher nicht zuletzt wegen dieser Quarzitvorkommen und ihres Abfertigungsbahnhofs so berühmt gewordenes Naturwunder, daß ich auch diesen Namen gleich in einem geologischen Fachbuch wiederfand. Noch stolzer auf die Wahl unseres Wohnortes wurde ich, als mir der Herr de Bück, in meinen Augen fast mythischer Besitzer dieser "Heide", die dort auch vorhandenen Tonvorkommen zeigte und mir ihre Nutzung gern anbot. Damit wurde Rostingen für mich und uns auch in ganz nüchterner Betrachtung zum besten Punkt, den wir uns für unser Leben hätten aussuchen können.

Danach hatten wir, wie man sich denken kann, viel mit uns selbst und mit der Herrichtung des Wohnhauses zu tun, wurden dann ja auch noch zweimal für je fünf Jahre nach Japan versetzt, so daß wir über diese beglückenden Erkenntnisse hinaus lange nicht mehr über die Vergangenheit Rostingens nachgedacht haben, eigentlich bis in diese letzten Jahre. Erst jetzt, nach der endgültigen Rückkehr, habe ich die Zeit zu weiterem Zurückdenken gefunden. Gern wüßte ich mehr über die Geschichte unseres Dorfs und speziell unseres Hofs. Noch stehe ich aber vor vielen offenen Fragen. Sicher gehe ich an die Sache nicht realistisch genug heran, wenn ich als gelernter Germanist gleich zu Anfang nur eine Hypothese aufstelle, anstatt in den Archiven zu suchen. Aber ich schreibe sie auf und vespreche, sie Schritt für Schritt zu korrigieren, wenn ich Neues erfahren habe.

Der Ortsname "Rostingen"
Mich macht die in diesem Teil Deutschlands seltene Endung "-ingen" stutzig. Sie deutet in Süddeutschland, wo sie häufig vorkommt, in der Regel auf Familien hin, die an den so genannten Orten zuerst gewohnt haben. Sollte es hier einen Ur-Bauern mit dem Namen "Roste" gegeben haben? Mir kommt das nicht sehr wahrscheinlich vor. Also habe ich mir die Theorie zurechtgemacht, daß ein aus Süddeutschland stammender Gebildeter im Mittelalter den Ort seiner Gewohnheit entsprechend benannte hätte. Wo konnte es ihn gegeben haben? Ich fing an, mich über die Herrschaftsverhältnisse in dieser Region zu informieren, vor allen zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert, als es überall zur Rodung der Wälder und zur Gründung von Höfen und Dörfern kam?. Gehörte nicht der "Oberhau", also das auf der Höhe über Oberpleis gelegene Rodungsgebiet, den Bergischen Grafen, wie doch das Land zwischen der Löwenburg im Siebengebirge, zwischen Gummersbach und Köln, ganz allgemein? Oder war die Abtei Siegburg mit ihrer Außenstelle, der Probstei Oberpleis, Namensgeberin gewesen? Oder waren es die Zisterzienser von Heisterbach, die am Rande dieses Territoriums entlang eines Klosterweges bis nach Sankt Katharinen eine Reihe von Besitzungen unterhielten und so unserem Rostingen sehr nah gekommen waren? Oder könnte einer von ihnen von jenem damals so wichtigen Ort und Namen "Geistingen"inspiriert worden sein? Denn dieses Geistingen, heute ein Dorf am Stadtrand von Hennef, das ich auch mit Staunen über seinen "-ingen"-Namen entdeckte, war bis in die moderne Zeit mit der "Stadt Blankenberg" auf dem Berg darüber Provinzhauptstadt der Bergischen Grafen gewesen, lange bevor Hennef selbst gegründet wurde. Dieses Geistingen müßte ich also zuerst einmal untersuchen, denn es ist zweifellos älter und wichtiger als unser Dörflein.

Noch während ich über diesen Plan nachdachte, sprang mir die nächste fixe Idee ins Bewußtsein - eigentlich inspiriert vom heutigen Namen der Gemeinde Geistingen, von Hennef, das doch am "Hanfbach" liegt - und an dessen gewundenem Lauf entlang ich auf dem Weg hierher durch Dörfer fahre, die mir das Namenswort wieder und wieder nahebringen: "Hanfmühle" erst, und dann noch, kurz vor Eudenbach, also fast in Rostingen, "Hanf" selbst. Und wie jeder, der das Wort Hanf nicht nur aus der Rauschmittel-Diskussion der vergangenen Jahrzehnte kennt, sondern an seine eigentliche, über die Jahrhunderte hinweg einzige Bedeutung denkt, stieß ich im Vokabular der Hanfbearbeitung sofort auf den Begriff der "Hanfröste". "Rösten" bezeichnet das Verfahren, das der Hanf durchlaufen muß, wenn seine Fasern vom Stengel gelöst und zu Garn und schließlich zu Leinen verarbeitet werden sollen. Natürlich! Unser Rostingen mußte der Ort sein, an dem der für die Geistinger Herren in "Hanf" angebaute Hanf auf den abgeernteten Feldern und Wiesen, manchmal bis in den Winter, zum "Rösten" und Faulen ausgebreitet wurde. Mit einem Mal wurde mir auch klar, warum die Häuser da drüben, auf der anderen Talseite, "Faulebitze" ("Faul-Wäldchen") heißen - auch dort mußte man die Hänge zum Hanfrösten genutzt haben, das doch, wie man in alten Beschreibungen der Hanfherstellung liest, einen gewaltigen Gestank verbreitet haben muß, so daß es nahelag, diesen Arbeitsschritt örtlich zu konzentrierenn nämlich in Rostingen und in der "Faulen Bitze"!

Während das Hanfspinnen dann wieder quasi überall in Heimarbeit stattfinden konnte (wie auch das Spinnen des etwas gewöhnlicheren zweiten Rohstoffs zur Leinenherstellung, des Flachses), war der dritte Schritt, das Weben, dann wieder Facharbeit, die oft örtliche Schwerpunkte bildete. Und schon fiel mir in einem Geschichtsbuch ein Detail in die Hand, das meine Theorie mit Wahrscheinlichkeitsgehalt zu füttern begann (ich dachte an die durch Gerhard Hauptmann berühmt gewordenen Weber im schlesischen Schreiberhau): die Meldung, daß allein der kleine Ort Oberpleis zu Beginn der Neuzeit, wann genau?, "70 Webstühle" gezählt haben soll. Und daß das rheinische Leinen so berühmt war, daß deutsche Leinwand besserer Qualität oft insgesamt unter dieser Bezeichnung exportiert wurde...

Die Suche nach den wirtschaftlichen Traditionen des Oberhaus ist nicht so einfach, vor allem in diesem Punkt, denn leider ist die Leinenproduktion nicht erst durch das vorübergehende Hanfanbauverbot in unserer Zeit abgebrochen worden, sondern bereits im 18. Jahrhundert, als mit importierter Baumwolle ein weicherer und einfacher zu verarbeitender Rohstoff verfügbar wurde. Deshalb sind von diesen Traditionen, die ohne Zweifel vorhanden gewesen sein müssen, keine Einzelspuren mehr zu erkennen, die die Beweisführung vor Ort erleichtern könnten. Daß aber der Gedanke an den "Hanf" in dieser Gegend naheliegt, zeigt die Bemühung der Hanfindustrie, in Hennef jährliche "Hanfmessen" und in Hanfmühle, wie man dem Internet entnehmen kann, sogar Popkonzerte durchzuführen, die auf die heute verbotenen Nebenprodukte der alten wichtigen Kulturpflanze bezogen sein dürften.

Das ist allerhand "Hanf-Spinnerei". Einstweilen schreckt es mich nicht, daß Namenslexika für Hennef, Hanf und den Hanfbach ganz andere Etymologien anbieten. Sie können sich irren, oder mehrere Ur-Bedeutungen konnen sich verbunden haben. Vor allem muß ich aber versuchen, in den Archiven alte Eintragungen über Rostingen zu finden. Wenigstens sollte es gelingen, Auskunft über die Wirtschaftsgeschichte der Region zu erhalten. Für die Neuzeit, sagen wir, die Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg, sollte es leichter sein, und erst recht für die letzten 150 Jahre, in denen der Rostinger Hof selbst bestanden hat. Denn darüber habe ich von den Erben der Wiesgens, von unseren Freunden Meurer, Dokumente erhalten, die ich gleich auswerten werde. Erfreulicherweise ist ja auch das Interesse an einer Sicherung der Zeitgeschichte sehr gewachsen, so daß zum Beispiel die für den "Oberhau" bedeutsamen Kämpfe mit der amerikanischen Armee zu Ende des Zweiten Weltkriegs gut belegt sind. Aus der Dokumentation darüber, die Wilbert Fuhr kürzlich herausgegeben hat, werde ich zitieren können. Bei der Lektüre darüber, wie unser armer Rostinger Hof zwischen den Fronten niedergeduckt gezittert hat, sind mir die Tränen gekommen.

Ja, unser Haus hat eine interessante Geschichte, die es sich lohnen müßte, aufzuschreiben. Ob mir jemand helfen kann? Ich freue mich über jede Zuschrift und jeden Anruf!

Der Rostinger Hof heute
Obwohl das Wohnhaus und die Nebengebäude des Hofs trotz meiner euphorischen Beurteilung in der ersten Stunde ziemlich heruntergekommen waren, denn er hatte mehr als 10 Jahre leergestanden, habe ich dem Ehepaar Meurer damals voller Überzeugung versprochen, alles im Prinzip so zu belassen, wie es war. Es war und ist auch heute noch mein Ziel, die alte Nutzung als Bauernhof erkennen zu lassen und den Geist der Erbauer lebendig zu halten. Dennoch sehe ich schon, daß wir etliches verändert haben. Das ganze Wohnhaus haben wir nicht nur repariert, sondern auch von innen wärmeisoliert, haben ihm neue Installationen gegeben, überhaupt erstmals Toiletten und Badezimmer; und wir haben den Dachboden und den Fruchtspeicher ausgebaut, so daß wir dort jetzt mehr Wohnraum und auch eine Art Einliegerwohnung haben. Die Ställe sind allmählich zu zwei Töpferwerkstätten und einer Galerie geworden. Doch einen Teil der alten Einrichtung haben wir bewahrt: Die Futtertröge der Kühe und der Pferde sind noch da, und auch das alte Kopfsteinpflaster, auf dem die Kühe einst gestanden oder gelegen haben. Den Backes habe ich in die Galerie integriert und wieder zu regelmäßiger Benutzung gebracht. Im Wohnhaus haben wir aus den sehr kleinen Zimmerchen größere Einheiten gemacht, indem wir dort das Fachwerk aus den Balken entfernt, die Balken aber stehengelassen haben. Die einzige wirklich moderne Zutat dort ist der Wintergarten, den uns unser Freund Ernö Südi, ein Godesberger Architekt, erst kürzlich gebaut hat.

Von dort aus blicken wir in den intimen Teil unseres Gartens: den zur Straße hin sichtgeschützten kleinen Abschnitt längs des Hauses, den wir landschaftlich so gestaltet haben wie einen typischen "Japanischen Garten". Wir nennen ihn auch so, vor allem wegen des Fischteichs in Form des chinesischen Schriftzeichens "shin" (für "Herz"), in dem Kois und Goldorfen schwimmen, auch wegen der Steinlaterne daneben und einiger großer Steine, die aus Japan stammen. Hier fühlen wir uns manchmal wie dort, unserer zweiten Heimat. Neben dem Japanischen Garten liegt, vor dem Küchenausgang, Yoshies Kräutergarten. Dann kommt hinter beidem die ehemalige große Schafswiese, auf der Masahiro Moriguchi, ein sehr moderner Steinbildhauer, der mit seiner Frau Fumiyo zur Zeit in Wien lebt, vor 10 Jahren die Skulpturengruppe "Familie" geschaffen hat. Die Spaziergänger bleiben oft stehen, um die merkwürdigen Basaltstelen zu betrachten, die dort wie Menhire aus der Erde ragen. Inzwischen habe ich eine Anzahl kleiner Obstbäume auf den Rasen gepflanzt. Und zur Straße hin bildet den vor allem optischen Abschluß unser "Wald", den ich vor nun 25 Jahren gepflanzt habe. Er ist inzwischen reichlich groß geworden.

Unsere drei anderen Gärten liegen unterhalb des Hofs: der noch einmal gesondert eingezäunte Gemüsegarten, der alte Obstgarten und schließlich der "Wendeweg", ein Grundstückskorridor, auf dem die Wiesgens früher ihre Kühe zu den im Tal gelegenen Weiden treiben konnten. Dort würde ich gern Buchweizen anbauen, um daraus nach japanischer Art Soba-Nudeln zu machen. Aber ich scheue noch vor der harten Arbeit zurück. Den Gemüsegarten dagegen haben wir inzwischen wieder ganz "im Griff". Yoshie ist stolz darauf, daß sie im Sommer viele japanische Spezialgemüse hat. Man kann leicht verstehen, daß wir gesund leben, nicht nur durch das viele Gemüse und Obst, sondern auch durch die tägliche Arbeit im Freien.

Kleine Anekdote von der Vergänglichkeit
Hier muß ich wieder eine meiner Geschichten loswerden. Sie wird die Frage der Spaziergänger beantworten, die nicht nur nach dem Sinn der Steine auf der Schafswiese fragen, sondern auch danach, warum gleich vorn an der Ecke bei unserem Straßentörchen solch häßliche Trümmer eines alten Wagens liegen. (Auch die Altmetallhändler, die klingelnd vorbeifahren, wollen immer wieder zugreifen.)
Ja, der Wagen liegt und verrottet dort ganz absichtlich. Ich habe ihn 1975 halb versunken im alten Misthaufen des Hofs gefunden, ausgegraben und dann mit Hilfe von Willi Leven und seinem Trecker in unseren Innenhof bugsiert. Dort hat er noch mehrere Jahre an einer trockenen Stelle gestanden. Unsere Kinder haben gern auf ihm gespielt. Wir haben überlegt, wie wir ihn aufbewahren könnten, obwohl er in seinem Zustand nicht ganz ungefährlich war. Und so gut erhalten war er auch nicht mehr, daß er in ein Museum gepaßt hätte. Da kam ich auf eine ganz andere Idee: Der alte Wagen sollte sein Gnadenbrot als Denkmal des Verfalls erhalten und so zugleich mit uns und unserem Leben verbunden bleiben, so lange es uns auf dem Rostinger Hof geben würde. Also spannten wir noch einmal den kleinen Trecker des Nachbarn Willi davor ( unser damals gerade 10 Jahre alter Sohn Arne fuhr ihn ganz allein!) und schafften ihn, ohne Deichsel, sozusagen räder-hinkend, über die Distanz von gut 50 Metern an seinen letzten Standort an der Grundstücksecke. Dort erwischte ihn bald darauf die Kamera des Heimatforschers Karl-Hermann Uhlenbroch aus Quirrenbach, der das ländliche Stilleben des Leiterwagens und unseres Rostinger Hofs als Beleg für den schönen "Oberhau" ablichtete und in sein 1981 erschienenes Büchlein mit dem gleichen Namen einfügte.
Ja, und dann haben wir zugesehen, wie der Wagen von Jahr zu Jahr in sich zusammensank. Heute, mehr als 20 Jahre später, ist von dem alten Eichenholz nicht mehr viel übrig, nur die Metallringe der Räder und die schweren Achsen kann man leicht ausmachen. Ich selbst bin auch schon gute fünf Zentimeter geschrumpft, und mein Bart ist weiß geworden. Fast täglich stehe ich vor dem Wagen und denke an den Lauf der Welt...

Der Wagen im Jahre 1980 Der Wagen im Jahre 2000

 

Fotos und eine Straßenkarte als Wegweiser

Rostingen vor dem Siebengebirge Rostingen mit dem Ölberg Der Rostinger Hof von der Faulenbitze Rostingen von Neuenhof Im Innenhof (Galerie) Der Rostinger Hof im Schnee Luftaufnahme des Rostinger Hofs

Wer kein Auto hat, ruft uns an, dann wird er nach Möglichkeit abgeholt. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es auch (Buslinien ab Bonn oder Königswinter über Oberpleis), aber sie brauchen viel Zeit.

Wer von Bonn mit dem Auto kommt, nimmt die Trog-Autobahn bis Königswinter, fährt dann durch das schöne Siebengebirge über die Margaretenhöhe, durch Ittenbach, und biegt dann kurz vor Oberpleis rechts ab nach Eudenbach (noch 6 km); in Eudenbach geht es wieder rechts ab nach Rostingen (noch 1 km); in Rostingen liegt unser altes Fachwerkhaus links von der Straße hinter einer Wiese mit großen Steinblöcken.

Wer von der Autobahn A3 kommt, kann eine der beiden Abfahrten "Königswinter Siebengebirge" oder "Bad Honnef Linz" nehmen. Rostingen liegt östlich dazwischen nicht allzuweit von der Autobahn.

Vielleicht hilft die Karte bei der Orientierung:

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