Der Rostinger Garten

Als wir im Jahre 1975 nach Rostingen kamen, war das, was wir heute den "Rostinger Hof " nennen, in seiner äußeren Gestalt noch fast so, wie es die Gebrüder Christian und Jakob Wiesgen als Erbe ihrer Väter gepflegt hatten. Doch gab es einen gewaltigen Unterschied: Der größte Teil der Äcker und Wiesen, von denen doch die Landwirtschaft der Wiesgens bis dahin gelebt hatte, gehörte nicht mehr dazu; sie waren getrennt verkauft und verpachtet worden. In dem Rest von Bodenbestand, der immerhin noch fast einen halben Hektar ausmachte, lagen Hof und Stallungen deshalb in unangemessen großer Ausdehnung. Kein Vieh war mehr da. Das Futter, das man auf der verbliebenen Fläche hätte produzieren können, hätte auch nicht einmal mehr für eine einzige Kuh gereicht.

Die verbliebene Viehweide berührte auf der westlichen Seite die Fachwerkwand des Wohnhauses. Vom Stacheldrahtzaun an der Straße blickte man also über grünes Gras mit einigen letzten Kuhfladen der Zeit davor direkt in die Küche und die Kammern, aus denen wir dann unser Wohnzimmer zusammensetzten. Auf der Südseite, also im Anschluß an die Kleintier- und Schweineställe, lag der geräumige Gemüsegarten, den man mit einem solide einbetonierten Maschendrahtzaum gegen das Vieh gesichert hatte. Und noch einen dritten Garten, halb schon wieder Kuhweide, gab es südöstlich daneben, unterhalb der großen Scheune, ein weiteres Weidestück mit altem Streuobstbestand: je zwei oder drei Apfel-, Birn-, Kirsch- und Zwetschgenbäume. Wir nannten es den Obstgarten.

Von allen Teilen des "Rostinger Hofs" haben diese drei Gartenteile in den Jahren, die wir dankbar in ihnen verbracht haben, wohl die größte Metamorphose durchgemacht. Zunächst haben wir uns allerdings - unseren schwachen Kräften entsprechend - darauf beschränkt, sie wieder mit dem Leben zu erfüllen, nach dem sie zu schreien schienen.

Im Gemüsegarten wurde meine Frau tätig; mein Anteil dort erschöpfte sich in der Vorbereitung des Bodens. Sie tat das mit solchem Erfolg, daß wir immer wieder das stolze Gefühl gehabt haben, in Punkto Gemüse autark zu sein. Sogar die eigenen Kartoffeln reichten fast über den ganzen Winter. Vor allem aber freuen wir uns bis heute, auch solche Gemüsesorten anzubauen, die es sonst nur in Japan gibt, wie Chisso oder Gobo oder Kabocha.

Die beiden anderen Gärten habe ich von Anfang an in meine Obhut genommen, jedenfalls den größten Teil von ihnen. Denn ich wollte damals, daß unsere Kinder nicht nur von der nachbarschaftlichen Umgebung her, sondern auch wirklich selbst "auf dem Lande", also zusammen mit Tieren aufwuchsen. So kamen Schafe auf die westliche Weide, wo sie sich (mit einem Winterstall und einem Sommerstall, fast wie die Kaiser von China) wohlfühlten und regelmäßig die erhofften Osterlämmer lieferten. Die Böckchen davon kamen vor Ablauf des ersten Lebensjahres (also bevor sie sich um ihre Mütter und Schwestern zu keilen begannen) mit Hilfe unseres tüchtigen Metzgers Faßbender in Tiefkühltruhe und Pfanne. Der weibliche Nachwuchs blieb und trug dazu bei, daß unsere kleine Herde meist einen Sommerbestand von acht und einen Winterbestand von fünf Tieren hatte. Für die reichte das Futter gerade. Das Heu habe ich übrigens jahrelang mit der Sense gemäht und auf meinem Rücken in die Scheune gebracht! Das ethische Problem, das den kannibalischen Verzehr von lieben Familienangehörigen hätte aufwerfen können, haben wir in vollem Einvernehmen mit unseren Kindern dadurch gelöst, daß nur die Schafseltern Namen hatten: Mimi und Bocki; alle anderen blieben anonym.

Im sogenannten Obstgarten hatten wir eine kleine Hühnerschar, die ich einesteils der Eier wegen und auch wegen des Morgengesangs des bunten Hahns beschafft hatte. Hier trafen uns die Konsequenzen unseres romantischen Unwissens härter. Denn so schön und pädagogisch das Beisammensein von Hahn und Hennen auch für uns alle war, erst recht das gluckende Brüten mehrerer Hennen, das uns nach einigen Monaten überraschte, bald auch das Piepsen der entzückenden kleinen Goldkügelchen, die aus den Eiern schlüpften, so schrecklich war der bald tobende Kampf aller miteinander: Als fast alle Jungtierchen federlos und blutüberströmt durch den Garten torkelten, war uns klar, daß mehrere Hähne in einer Hühnerfamilie nicht sein konnten, weil sie die Hühnchen überbeanspruchten und sich selbst fortwährend nach dem Leben trachteten. Und das schlimmste: Niemand, auch nicht Metzger Faßbender, wollte uns aus dieser Lage befreien. So mußten Yoshie und ich in einer Abendstunde, als die Kinder schon schliefen, zum Beil greifen und die vielen Hähne bis auf einen ermorden. Und brüten durften die Hennen dann auch nicht mehr. Übrigens wurden sie später, auch das eine Folge unserer romantischen Freiheitsideologie, nach und nach im weiten Areal des Obstgartens vom Habicht geholt.

Zu den ersten acht Rostinger Jahren mit ihrer Schafs- und Hühnerpopulation gehörten auch unser Spaniel Taro und die Katze Misa. Später kamen die vier Jahre mit Hanako, unserem Trollschwein, und Diruka, der Goldenen Retrieverin, über die ich je eine eigene Seite geschrieben habe. Ihnen allen gehörte der große Garten nicht weniger als den Kindern und uns selbst.

Inzwischen sind die Kinder aus dem Haus, und auch die Tiere sind alle dahin - mit Ausnahme der Goldorfen und Kois im Teich des Japanischen Gartens, die man gemeinsam mit den Finken, Meisen und Amseln am Futterplatz vor der Küche wie Symboltiere für unseren gezähmten deutsch-japanischen Erwachsenengeschmack ansehen könnte. Um den Überblick zu erleichtern: unser "Rostinger Garten" besteht nun - zumindest in meiner Vorstellung - aus neun Teilen:

1. der Gewürzkräutergarten gleich an der Küchentür;
2. der japanische Landschaftsgarten mit einem kleinen Doppelteich in der typischen Shin-ji-ike-Form;
3. der deutsche Blumengarten im oberen Teil der ehemaligen Schafswiese mit den von Masahiro Moriguchi geschaffenen Steinskupturen; ihn stellen wir uns auch als Spaziergarten für unsere Rostinger Nachbarn vor;
4. der "Wald";
5. die große Obstwiese;
6. der Gemüsegarten;
7. die kleine Obstwiese;
8. der Buchweizenhang;
9. der Garten des Hof-Atriums.

Wer das liest und die Rostinger Realität kennt, wird sich vielleicht etwas über diese anspruchsvolle Aufzählung wundern, und Recht hätte er dabei. Daß ich solche neun Abschnitte aufzähle, ist zugleich Ansporn und Programm für mich, nach Kräften an ihrer Realisierung weiterzuarbeiten. Und zugleich ist die Aufzählung selbst ein Kunstwerk (so wie ich Kunst definiere): geträumte Form, die in wellenförmiger Bewegung wirklich und nach Jahreszeiten fluktuierend Gestalt annimmt, und imaginäre Schönheit, die sich dem ahnungsvollen Besucher schon durch ihren Anspruch erschließt. Wir denken an die Gärten, die sich japanische Ästheten geschaffen haben, auch an den Garten Emil Noldes in Seebüll, den wir besucht haben. Auch dort zählt nicht so sehr das Botanische, nicht einmal die einzelne Blume. Aber die Eindrücke öffnen im Betrachter Fenster zu einer Welt, in der sich Natur und Kunst verbinden.