Dierk Stuckenschmidts Töpferei

Als Hobbytöpfer in Japan
Wie auch meine Frau Yoshie bin ich kein gelernter Töpfer. Aber schon seit über 25 Jahren ist Töpfern mein Hobby. Das Interesse dafür habe ich durch meinen ersten längeren Aufenthalt in Japan gewonnen. Damals, von 1972 bis 1975, war ich durch Vermittlung des DAAD als Deutschlektor an der Universität Nagoya. Gleich nach der Ankunft merkte ich, daß Nagoya das Zentrum der japanischen Töpfertradition wie auch der keramischen Industrie ist. Alle Menschen, auch meine japanischen Kollegen, schienen sich für Keramik zu interessieren. Ein deutscher DAAD-Stipendiat, den ich schon aus Bonn kannte, Klaus Wetzel, brachte mich zu einem Töpfermeister in den Sanage-Bergen etwas außerhalb der Stadt, zu Masayuki Ishiguro, und ich war sofort von dessen Arbeit begeistert. Dabei war mir alles daran fremd. Dieser einfache Mann hackte sich den Ton aus dem Berg beim Dorf, machte aus Tonwülsten in Windeseile raffinierte Vasen, Töpfe und Schalen, glasierte diese mit Asche und brannte sie in seinem Holzofen zu unglaublichen Wunderwerken. Ich bin dann noch oft bei ihm gewesen und habe alle Arbeitsgänge beobachtet. Und obwohl ich nie bei ihm gearbeitet habe, betrachte ich heute den Meister Ishiguro als meinen wichtigsten Lehrer.

Hier sind zwei Keramiken von Masayuki Ishiguro; die ich vor 25 Jahren "frisch aus dem Ofen" bei ihm erstanden habe:

Teeschale große Vase

Dann habe ich Yoshie kennengelernt. Wir waren noch nicht verheiratet, als sie auf die Idee kam, einen Töpferkurs im Kulturzentrum der Zeitung Asahi Shimbun zu besuchen. Gleich von der ersten Stunde brachte sie mir einen Batzen Ton mit nach Hause, aus dem ich noch am selben Abend in unserer Küche meine ersten beiden Gefäße, eine Schüssel und einen Napf, getöpfert habe. Wir haben dann beide in einer neu eingerichteten Werkstatt im Jugendpark Seishonenkoen von Nagakute weitergelernt und uns bald die erste elektrische Scheibe angeschafft.

In dieser Zeit der Begeisterung besuchte uns in Nagoya ein junger deutscher Töpfer, der wenig vorher einen sensationellen Preis der japanischen Regierung erhalten hatte, Gerd Knäpper. Was ich in einer Ausstellung, die bald darauf in Nagoya stattfand, und dann in seiner kleinen Werkstatt in Mashiko sah, regte mich so auf, daß ich diesem Stil für lange verfiel. Auch heute steht mir Gerd Knäppers Vorbild wie das von Masayuki Ishiguro stets vor Augen, obwohl ich inzwischen meinen eigenen Weg zu gehen glaube.

Und dies sind einige frühe Werke Gerd Knäppers (dritte habe ich dem 1989 erschienenen Buch "Gerd Knäpper. Clay Works" entnommen, an dem ich mitgearbeitet habe):

große Vase kleine Vase großer Teller

Von den japanischen Töpfern, mit denen ich im Lauf der seither vergangenen 25 Jahre gedanklich gelebt habe oder sogar gelegentlich zusammengetroffen bin, bewundere ich vor allem die folgenden drei:

Shoji Kamota(1933 - 1983)

Vase Vase (Detail) Vase

Tatsuzo Shimaoka (1919 - )

Teller Vase Vase

Seimei Tsuji (1927 - )

kleine Schale Vase Tokkuri

Einen japanischen Töpfer der nächsten Generation möchte ich nicht nur wegen seiner außergewöhnlichen Werke vorstellen, sondern auch, weil er eine sehr interessante Homepage unterhält, die einen umfassenden Einblick in die Welt des Holzbrands von Shigaraki und darüber hinaus bietet: Shiho Kanzaki.(1942 - ). Die Homepage heißt: "Wood-fired Stoneware from Shigaraki".
An dieser Stelle sollte ich vielleicht noch auf eine weitere Homepage zur japanischen Keramik hinweisen, die über die keramische Szene in Japan allgemein informiert. Sie wird von Robert Yellin angeboten, der selbst Töpfer, vor allem aber der führende (Nicht-Japanischsprachige) Keramikjournalist in Japan ist. Er schreibt regelmäßig in der Japan Times: www.japanesepottery.com/

Vase Mizusashi

Etwas Theorie: Die japanische andere Ästhetik: von der herben Schönheit ("Shibui") der aschenglasierten Keramik
Ich nenne das, was mich an den Arbeiten meiner beiden Töpferidole Ishiguro und Knäpper und dann bei vielen anderen japanischen Töpfern so aufregte, "die japanische andere Ästhetik". (Die "andere" in doppeltem Sinn, denn unsere europäische Ästhetik gibt es in Japan natürlich auch.) Sie beherrscht vor allem die alten Traditionen der Töpferorte Bizen, Shigaraki und Tamba. In erster Linie ist sie durch die große Wertschätzung gekennzeichnet, die die Töpfer dieser Richtung der Materie Ton entgegenbringen. Anders als wir in Europa überziehen, verdecken sie den Ton nicht mit Glasuren, sondern belassen ihn so, wie er ist, also oft auch mit seinen markanten "Unreinheiten", wie zum Beispiel den Feldspatkörnern der Tone von Shigaraki, die beim Brand als helle Erhebungen aus der vorher glatten Fläche hervorquellen. Auch den Aschenanflug des Holzbrands respektieren sie, wie er sich im Ofen zeigt, setzen also ihre Ware nicht in Brennmuffeln. Für sie ist er zugleich Mittel zur Oberflächensinterung und Glasbildung und macht damit die Gefäße funktionsfähig. Darüber hinaus aber bewirkt er gleichzeitig (viel stärker als das Salzen der ältesten erhaltenen deutschen Tradition) eine farblich und taktil markante Veränderung der äußeren Erscheinung ihrer Produkte. Ich muß zugeben, daß ich bis zum wirklichen Verstehen noch lange brauchte, obwohl es doch Liebe auf den ersten Blick war und ich von Anfang an nicht in Versuchung stand, den Vergleich dieser herrlichen Werke mit überfeuerten Kanalrohren des deutschen Tiefbaus zu suchen, wie ich es später oft von deutschen Besuchern gehört habe. Es war nicht leicht zu verstehen, daß diese Art der japanischen Keramik einer anderen Ästhetik folgt. Die traditionelle europäische Ästhetik erstrebt, vereinfacht gesagt, in der Kunst nur das "Schöne" und stellt diese damit Gold und Edelsteinen als Opfergaben für Gott als gleichwertig an die Seite. Natürlich besitzt Japan eben dieses Schönheitsideal in seiner höfischen und religiösen Tradition auch, denn vergoldete Buddhafiguren und prächtige Palasträume gibt es ja reichlich; doch ist man dort einen Schritt weitergegangen: Die Schöpfer neuen Denkens haben unter dem Einfluß der Tee-Kunst schon vor Jahrhunderten die Möglichkeit geschaffen, die Welt des "Schönen", der "Eleganz" zu überschreiten und in einer subtilen Metawelt des Einfachen, Ursprünglichen Oasen der Ruhe und Entspannung zu schaffen. Dazu gehört nun die Keramik, die ich meine. Ja, sie wird leichter verständlich, wenn man ihren Ausdruck als Überwindung des Eleganten betrachtet, mit dem wir heutigen Menschen (wie der Adel im alten Japan) täglich überflutet werden. Ist das Porzellan unserer Eßkultur nicht unsere Norm? Die Keramik, von der ich spreche, und die ich zu schaffen versuche, ist schwieriger herzustellen als glatte Serienware. Obwohl auch sie eine völlige Beherrschung der Technik voraussetzt, erweckt sie den Anschein, nicht vollendet zu sein. So erhält sie die Eigenschaft, sich im täglichen Gebrauch durch den Menschen oder besser: in ihm, ihrem Benutzer, zu vollenden. Dadurch hilft sie ihm, in dieser Auseinandersetzung zu wachsen und zu reifen. Und dadurch findet dieser sie "schön". Japaner sehen hier kein Paradox, denn sie besitzen für diese andere Art von Schönheit einen getrennten Begriff, "shibui", der mit der deutschen Lexikonentsprechung "herb" nicht hinreichend gefaßt ist.

Nun zurück zu Stuckenschmidts Rostinger Töpferei
Glücklicherweise bot uns der Rostinger Hof, in den wir 1975 einzogen, genügend Platz, unser Hobby, die Töpferei, so auszuweiten, daß bald die äußeren Voraussetzungen gegeben waren, diese auch professionell zu betreiben, wenn die Zeit reichen würde. Meine Werkstatt ist im ehemaligen Pferdestall, die Werkstatt meiner Frau im Kuhstall, der so geräumig ist, daß sie dort mit ihren Freundinnen gemeinsam arbeiten kann. Zwischen beiden liegt in den ehemaligen Kleintierställen die Galerie.

Dies ist eine Ansicht unserer Galerie:

Galerie

Unseren ersten eigenen Ofen haben wir uns erst 1975 gekauft, als wir in den Rostinger Hof eingezogen waren. Heute brennen wir mit drei Öfen, zwei elektrischen (einem deutschen Naber und einem amerikanischen Skutt) und einem größeren japanischen Gasofen mit sechs Propan-Brennern. Mit Gas ist es natürlich leichter, die Art der Brennatmosphäre zu erzeugen, die unseren Arbeiten entspricht. Während meine Frau gelegentlich stark reduzierend brennt, liebe ich eher die reine Oxydation, weil sie die Rostfarben der Aschen wärmer erscheinen läßt. Ich brenne meist bei 1260° C. Leider besitze ich (noch) keinen Holzofen. In Erinnerung an die aufregenden Tage und Nächte am Noborigama-Stufenofen unserer Freunde Sasaki in Toki (über sie schreibe ich auf der Seite "Yoshies Töpferei") träume ich davon, wenigstens einen Anagama-Höhlenofen zu bauen. Einstweilen muß ich mich auf den sogenannten "gelenkten Aschenanflug" beschränken (s.u.).

Meine "Glasuren" sind überwiegend Aschen verschiedener Hölzer. Ich bemühe mich, sie möglichst rein, unvermischt zu gewinnen. Dann siebe ich die Aschen und sorge durch mehrfaches Waschen für einen niedrigen Alkalianteil, um die Schmelztemperatur etwas zu erhöhen. Nur selten tauche ich die geschrühten Gefäße; meist sprühe ich die Aschenglasur mit der Pistole auf. Das hat den Vorteil des variierteren Auftrags und damit eines interessanteren, ja künstlerisch beherrschten Bildes der Oberfläche, und es gibt die Möglichkeit, die Auftragsdicke und damit die Ablaufgefahr der zwischen 1200° und 1280° C schmelzenden Glasur einzudämmen. Obwohl ich die chemische Zusammensetzung der Aschen ungefähr kenne, gehe ich bei ihrem Einsatz wie die japanischen Töpfer eher von meinen Erfahrungen aus. Ich bin aber nicht so puristisch, auch die weiteren erwünschten Eigenschaften nur aus der Natur gewinnen zu wollen (also etwa eine Mattierung durch Verwendung "harter" Strohaschen). So setze ich beispielweise einer Mischasche aus verschiedenen Hölzern, wie ich sie aus dem Kaminfeuer gewinne, Zinn oder Zirkonium bei, um sie matt werden zu lassen. Eine gewisse Farbigkeit erreiche ich durch eingefärbte Engoben, die ich vor dem Glasieren auf den Scherben auftrage. Aber ich bin sparsam damit und verwende sie nur als Kontrastgeber zur Verstärkung des naturnahen Eindrucks meiner Arbeiten. Als besonders starken Kontrast benutze ich gelegentlich sogar Gold, das nachträglich bei 800° C eingebrannt wird.

Auch heute setze ich bei einem Teil meiner Arbeiten die Kerbtechnik ein, die mich an den früheren Werken Gerd Knäppers so faszinierte. Mit unterschiedlich großen Stahlschlingen schneide ich Muster aus dem etwas angetrockneten, aber noch formbaren Körper meiner Gefäße, um sie so noch auffälliger zu strukturieren. Das hängt wieder mit dem Wunsch zusammen, den Ton als solchen sprechen zu lassen. Darüber hinaus aber versuche ich, im so entstehenden Rhythmus der Linien eine Mitteilung zu formulieren, die Ruhe, gleichmäßiges Fließen, aber auch Spannung und Erschrecken suggerieren kann. Dabei stehen mir oft die Muster vor Augen, die die Mönche allmorgendlich neu in den Kies der japanischen Zengärten ziehen. Obwohl ich nicht so weit gehen möchte, meine so gestalteten Keramiken als Meditationsobjekte zu bezeichnen, glaube ich doch, daß die Kerbmuster in Weiterführung der Lehre des "Shibui" durch den Dialog mit dem Betrachter eine psychagogische Wirkung entfalten.

Hier einige meiner in den letzten Monaten, also im Sommer 2000, entstandenen Arbeiten:

großer Teller große VaseTeeschale flache Vase schlanke Vase blaugoldene Vase Vase gekerbte Vase große Vase kleine Vase

Da ich in den früheren Deutschlandjahren strenger zwischen meinem Büroberuf und dem Töpfereihobby unterschieden habe, habe ich anders als Yoshie meine Produkte nur über unsere Galerie bekanntgemacht. In den insgesamt 13 Jahren, die wir dazwischen in Japan gelebt haben, hatte ich aber das Vergnügen einer ganzen Reihe von Ausstellungen in Toki, Nagoya, Kobe und Tokyo.