Meine Verbindung zum Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD)

Vorsicht: Dies schreibt ein DAAD-Ruheständler. Nostalgische Gefühlsmomente sind nicht auszuschließen. Wer nüchterne Information sucht, sollte gleich zu den Links weiterklicken.

Diese etwas längere Seite hat folgende Abschnitte:
Wie ich dazu kam, über die Grenzen zu gucken
DAAD-Stipendiat
Mitarbeiter des DAAD
Eine Anekdote von der bescheidenen Größe des DAAD
Meine DAAD-Japan-Zeit
Der DAAD
DAAD-Links
Einige meiner DAAD-Veröffentlichungen
Einige DAAD-Fotos
Die DAAD-Fanfare


Wie ich dazu kam, über die Grenzen zu gucken
Sozusagen von Anfang an gab es in meinem Leben eine Motivation zum Überschreiten der sogenannten nationalen Grenzen, schon weil diese in der Hitler- und Kriegszeit so große Bedeutung erhalten hatten. Dieses Gefühl oder Wissen schwingt immer mit, wenn ich über unsere Situation nachdenke. Außerdem gehörten schon in meinen Kinderjahren, also in der Zeit des Krieges, noch bevor ich lesen konnte, die von meinem Großvater Stuckenschmidt ererbten Bildbände über die deutschen Kolonien in Afrika zu meinem liebsten Besitz. Er war dort als junger Mann lange als Postbeamter gewesen. Auch die Erzählungen von meinem Großvater Bockhoop aus seiner Zeit als Schiffsingenieur des Norddeutschen Lloyds und von den nach Amerika ausgewanderten Onkels und Tanten und von meines Vaters nicht realisierbaren Jugendtraum, in Kiautschau Kaufmann zu sein, trugen dazu bei, an ferne Länder zu denken. Schüleraufenthalte in England und Frankreich gaben dann den Anstoß, Fremdsprachen zu studieren. Lehrer hätte ich werden können, am Gymnasium oder an der Universität.
Daß ich als Student auf diesem noch offenen Weg den DAAD entdeckte, lag sogar räumlich nahe, denn der hatte sein Büro damals gegenüber der Mensa der Bonner Universität in der Nassestraße. Zwar war ich für eine Bewerbung um eins seiner Stipendien noch zu jung, als ich im vierten Semester an die Universität Paris gehen wollte, so daß meine Eltern mir (mit Mühen) den Aufenthalt bezahlten. Aber dann hatte ich die Zwischenprüfung hinter mir und wurde als Bewerber für England ernst genommen. In dieser Zeit, also 1961, habe ich die netten Damen und Herren beim DAAD kennengelernt.
Aber ich bin dem DAAD noch einmal entlaufen, obwohl es um die Bewerbung gut stand; denn eine andere Stelle, der British Council in Köln, wo ich es auch versucht hatte, war schneller. So ging ich mit einem Stipendium der "King Edward VII British German Foundation" nach London und bereitete dort mein Staatsexamen vor. Dabei betreute mich der DAAD durch seine von dem jungen und wortreichen Gerhard Müller geleitete Außenstelle trotzdem. Ich erinnere mich sehr positiv an die gelegentlich in den eleganten Büroräumen verabreichten Häppchen. Die Perspektive des einsamen Auslandsstudenten, der als einer von vielen von einer solchen offiziellen Instanz Labung erfährt, habe ich nie vergessen. Außerdem konnte ich diese kleine Londoner Erinnerung in den Bonner Berufsjahren später alljährlich auffrischen, wenn ich der Einladung des Auslandsamtsleiters der Universität Dr. Wigbert Holle zu seinen Weihnachtsempfängen für die ausländischen Studenten folgte. Später, in den 10 Jahren, in denen ich selbst als Außenstellenleiter des DAAD in Tokyo tätig war, habe ich dieses Beispiel bis ins Detail und mit dankbarem Herzen imitiert: mit Konzerten der japanischen ehemaligen Stipendiaten, mit eigenen feierlichen Ansprachen, die immer bei einigen der Studentinnen und Studenten (und auch fast bei mir) Tränen der Rührung hervorriefen, und mit "Empfängen", wo man sich ausquatschen konnte - wobei es manchmal Häppchen gab wie bei Herrn Müller (die ich "Butterbrot und Bier" nannte), manchmal Christstollen und Wein wie bei Wigbert Holle. Universitäts- und DAAD-Beispiele sind in mir zusammengeflossen, wie ja eigentlich der DAAD und die Universitäten auch eins sind.

DAAD-Stipendiat
DAAD-Stipendiat wurde ich doch noch. Als ich mich im Frühjahr 1964 um ein Graduiertenstipendium für die USA bewarb, war der DAAD schon in sein modernes Gebäude an der Bonner Kennedyallee (damals noch Frankengraben) umgezogen, wo er auch heute noch ist. Die Auswahlsitzung im "Sitzungssaal" (mit mir gleich bei der Tür, gegenüber am großen Tisch die wichtigen Professoren, die die Fragen stellten, und rechts an der schmalen Stirnseite des Tischs die Protokollführer vom DAAD selbst) hat sich mir bis ins Detail so eingeprägt, daß sie in meinen Berufsjahren später immer wieder das Muster abgeben konnte, vor allem wenn es darum ging, mich und neue Kommissionsmitglieder in das Gefühl der Bewerber hineinzuversetzen. Obwohl ich eine wichtige Fachfrage ("ob es in den USA" - wo ich ja über Metaphysical Poetry des 16. Jahrhunderts arbeiten wollte - "auch Metaphysical Poets gegeben habe") nicht beantworten konnte, habe ich offenbar einen so guten Eindruck gemacht, daß man mir das gewünschte Stipendium zusprach. Es bestand aus drei Teilen: der "Charles Holtzer Fellowship" der Harvard-Universität selbst, einer Aufstockung durch den DAAD und einem Reisestipendium der Fulbright-Stiftung. So wurde ich zugleich Stipendiat der Fulbright-Stiftung. Obwohl kein "full bright-", sondern nur "half bright-"Stipendiat, habe ich mich auch der Fulbright-Stiftung und deren deutschem Chef, Dr. Ulrich Littmann, immer verbunden gefühlt. Mehr noch natürlich dem DAAD, der mich noch fast in den USA, wo ich mich wie die Made im Speck fühlte, für sich kaperte und so mein Leben erstmals in die Bahn brachte, die ich heute für die einzig richtige ansehe. Denn trotz des Wohlgefühls an der Harvard-Universität waren mir Zweifel an meiner Eignung für die Laufbahn als Anglist gekommen - ich schwankte unter dem Eindruck der unerreichbaren Leistungen der amerikanischen Jungwissenschaftler, ob ich nicht zu meinem Nebenfach Germanistik oder noch radikaler wechseln sollte.
In dieser Situation traf mich das Angebot, im DAAD selbst zu arbeiten, sozusagen ins Herz. Es erfolgte an der Bar der "Bremen", mit der ich im September 1965 als einer von 200 deutschen und amerikanischen DAAD-Stipendiaten nach Deutschland zurückfuhr, und zwar durch den Verwaltungsleiter des DAAD, Franz Eschbach, der die große Gruppe begleitete und während der fünftägigen Überfahrt gemeinsam mit anderen Fachleuten beriet.

Mitarbeiter des DAAD
So begann ich mein Berufsleben tatsächlich am 1. September 1966 beim DAAD, und es sollte genau 33 Jahre dauern. Nicht eine Sekunde habe ich diese Entscheidung bedauert, obwohl ich innerhalb des damals, als der DAAD sehr schnell expandierte, durchweg jungen, gleichaltrigen Teams kaum Aufstiegsmöglichkeiten hatte (ich bin als "Gruppenleiter" in den Ruhestand getreten). Denn sowohl von den Tätigkeiten her, die die Arbeit des DAAD kennzeichnen, wie auch von der zeitgeschichtlichen Entwicklung Deutschlands in diesen langen Jahren, die unsere Arbeit sehr berührte, und nicht zuletzt von meiner eigenen Interessenlage her gesehen habe ich eine äußerst interessante Berufszeit gehabt. Das leuchtet sicher leicht ein, wenn ich die Haupt-Stationen meiner Zuständigkeiten als Referatsleiter aufzähle: den Austausch mit Frankreich, als 1966 gerade das Deutsch-Französische Jugendwerk die Versöhnung der "Erzfeinde" voranzutreiben begann; 1969 die Beziehungen mit Ostasien, als Japan seine Devisenbeschränkung aufhob und China aus der Kulturrevolution auftauchte; 1976 Osteuropa auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges; und 1988 erneut das nun so wandlungsbereite Osteuropa und dazu die damalige DDR. Die Jahre von 1988 bis 1994, als ich nicht nur Leiter des Regionalreferats "Ost- und Südosteuropa", sondern auch Gründer der "Arbeitsstelle Austausch mit der DDR" wurde und sofort in den Wirbel geriet (und ihn soweit möglich mitlenkte), den der Zusammenbruch des Sozialismus und die deutsche Einigung bedeuteten - diese Jahre waren zweifellos der Höhepunkt meines beruflichen Lebens.
Insgesamt hätte ich den gewaltigen Spannungsbogen, den Deutschland vom Nullpunkt des Jahres 1945 bis heute durchlaufen hat, nicht besser miterleben können als im DAAD. Die Versöhnung mit den europäischen Nachbarstaaten, zuerst Frankreich, dann mit Polen und der Tschechoslowakei, dann der UdSSR, schließlich sogar die Wiedervereinigung des geteilten Deutschland und seine Eingliederung in ein friedliches Europa - an alledem als zuständiger Referatsleiter im DAAD "in der ersten Reihe" teilzunehmen, das hätte ich mir, der vor den Polen und Russen aus Schlesien geflohene Heimatlose, als Kind und Jugendlicher nicht einmal erträumen können, als ich meinen Welthorizont aufbaute.

Eine Anekdote von der bescheidenen Größe des DAAD
Ich könnte viele Anekdoten erzählen, die die Mitbeteiligung des DAAD an der Gestaltung der Zeitgeschichte belegen. Nur eine will ich anschließen. Wäre ich weniger bescheiden als der DAAD, der als ein "Dienst" der deutschen Hochschulen seine Leistungen immer zu verstecken sucht, würde ich ihr den Titel geben: "Wie der DAAD Deutschland wiedervereinigte".

An dem Tag, als ich die Leitung der schon erwähnten Arbeitsstelle Austausch mit der DDR und des Osteuropareferats antrat, es war der 1. September 1988, rief mich der Präsident des DAAD, Professor Berchem, zu sich. Ich war angetan von dieser hoflichen Geste, fand aber sofort, daß es einen ganz anderen Grund gab: Für den nächsten Tag war unser Präsident gemeinsam mit den Chefs der anderen deutschen Kultur- und Wissenschaftsorganisationen zum Bundeskanzler Kohl bestellt, der nach Ideen für Geschenke suchte, mit denen er in Moskau den Fehler wiedergutmachen konnte, den er drei Monate vorher begangen hatte. Er hatte das umwälzende Reformprogramm des sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow in Verkennung der Tatsachen mit den Lügen des Nazi-Propagandaministers Goebbels verglichen und einen vorübergehenden Zusammenbruch der deutsch-sowjetischen Beziehungen verursacht. Was könnte der DAAD tun, um ein Zeichen zu setzen? Ich dachte an meine früheren guten Erfahrungen mit dem Jugendaustausch, schlug vor, "tausend russische Studenten" für ein Jahr einzuladen (so wie wir früher schon einmal "tausend Chinesen" bewegt hatten) und kalkulierte schnell, daß wir etwa eine Million Mark dafür brauchen würden. (Zum Vergleich die damalige Austausch-Wirklichkeit: Der DAAD bot der Sowjetunion eine jährliche Quote von 24 (!) Jahresstipendien an.) Als das Ergebnis der Beratung im Kanzleramt am nächsten Tag bekannt wurde, hielten sich in meinem Referat Freude und Schreck die Waage: Ja, wir sollten das machen; die Million war bewilligt. Die "tausend russischen Studenten" müßten vor dem Bonn-Besuch Gorbatschows im kommenden Juni, zu dem dieser ebenfalls als Teil des Versöhnungsprogramms eingeladen werden sollte, in Deutschland eintreffen.

Es wurde eine überaus aufregende Zeit. Wir richteten einen Arbeitsstab in Bonn und einen an der Botschaft in Moskau ein, machten an einer überschaubaren Zahl russischer und ukrainischer Universitäten eine Ausschreibung und ließen jeweils größere Gruppen zusammenstellen. Für diese charterten wir einen ganzen Zug der Transsibirischen Eisenbahn, mit dem die "Tausend Studenten" von Moskau über Kiew und Berlin nach Frankfurt fuhren. Dort begrüßte ich sie mit meinem Team an einem Sommertag des Jahres 1989. Die Tagesschau des deutschen Fernsehens zeigte uns bei der lebhaften Aktion, wie wir die jungen Leute, sie waren alle 17 oder 18 Jahre alt und zum ersten Mal im Ausland, zur Weiterfahrt in die Sprachkursorte verteilten. Auch ein sowjetisches Fernsehteam war mit ihnen angereist, das einen langen Film über sie vorbereitete, der später in der ganzen Sowjetunion unter dem Titel "Pojest w nowij semestr" ausgestrahlt wurde. (Man hat mir eine Kopie geschenkt, und es war mir ganz peinlich zu sehen, wie ausführlich man mich vorführte, sogar im Familienkreis und als Töpfer in unserem Rostinger Hof!) Kurz gesagt, das gigantische Programm wurde nicht nur an den Sprachinstituten, sondern auch an den deutschen Universitäten ein großer Erfolg.

Zwar schon kurz vor Ankunft des Sonderzuges, aber im Wissen um das Studentenprogramm des DAAD, war Gorbatschow in Bonn, und wie heute jeder weiß, bester Laune. Ich war im Bonner Rathaus dabei, wie er, seine hübsche Frau Raissa und der sympathische Außenminister Schewardnadze sich in das Goldene Buch der Stadt eintrugen. Gorbatschow war versöhnt und setzte seine Politik zur Beendung des Kalten Krieges und zur Reform des Sowjetischen Reichs nachdrücklich fort.

Inzwischen kennen wir alle auch seinen Ausspruch gegenüber dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Honecker :"Wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte" bei seinem Besuch in der DDR anläßlich des 40. Jahrestages der Staatsgründung im Jahre 1990. Der Druck der Sowjetunion auf die DDR muß in dieser Zeit ständig gewachsen sein. Denn nicht nur der Fall der Berliner Mauer, der allgemein überraschte, und Honneckers Rücktritt waren Anzeichen der Veränderungen, sondern zuvor schon auch das Verhalten sämtlicher an dem parallel wachsenden DAAD-Projekt des "Austauschs mit der DDR" beteiligten DDR-Funktionäre, also meiner östlichen Kollegen, mit denen ich fast täglich telefonisch oder bei wechselseitigen Besuchen in Bonn oder Berlin Kontakt hatte. Dazu muß man sich erinnern, daß es ja bis 1987 so gut wie keine akademischen Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten gegeben hatte. Dementsprechend war man auch im ersten Jahr des deutsch-deutschen Austauschs noch vorsichtig und realisierte kaum 100 derartige Bewegungen. Dann aber kam es, Monate vor den sichtbaren Ereignissen, zu einer Explosion der Möglichkeiten und Zahlen. Während im Januar für das Jahr 1989 noch eine gegenseitige Quote von nur 500 Studenten und Wissenschaftlern vereinbart worden war, haben wir in noch ungewöhnlicherem Einsatz, als er für die 1000 Russen nötig gewesen war, bis Anfang November 1989, also bis zum Fall der Mauer, gegen 10.000 Deutsche in den jeweils anderen Teil des Landes reisen lassen.

Dann kam die Einigung der beiden deutschen Staaten, die ganz andere Maßnahmen erforderlich machte, um die beiden Hochschulsysteme auf einen Nenner zu bringen. Das Sonderprogramm des DAAD für die UdSSR wurde in ein reguläres mit angemessenem Ausmaß und dann in viele kleinere Programme mit den Folgestaaten des sowjetischen Territoriums überführt. Über seine unmittelbare Wirkung für jeden einzelnen Teilnehmer hinaus hatte es eine viel größere Wirkung für ganz Deutschland entfaltet. Ich stelle mir heute noch mit Vergnügen vor, wie Gorbatschow merkt, auf welche Weise der deutsche Kanzler Kohl endlich geschaltet hat; und wie er später mit seiner Frau Raissa am Fernseher zusieht, als die russischen Jungen und Mädchen vom DAAD-Referenten Dierk Stuckenschmidt begrüßt werden.

Na, ist das keine schöne Anekdote bei der Erinnerung an 33 Dienstjahre im DAAD?

Meine DAAD-Japanzeit
An dieser Stelle muß ich zugeben, daß ich vor lauter Begeisterung fast eine Geschichtsfälschung zu meiner eigenen Person begangen hätte. Nicht nur daß ich meine Kollegen und Vorgesetzten ungebührlich verschwiegen habe, die doch auch viel Zeit ihres dienstlichen Lebens derselben Aufgabe gewidmet haben und manchmal dabei durchaus wichtiger waren als ich es sein konnte; und jene Kollegen auf der anderen Seite, in Berlin wie in Moskau und in anderen Städten der Welt, ebenso. So ist das ja immer in der Zusammenarbeit in einem Räderwerk. Die Leistung erbringt die Maschine insgesamt. Nein, die Fälschung würde darin liegen, wenn ich verschwiege, daß meine primäre Sympathie in all den Jahren einer anderen Linie meiner Berufstätigkeit im DAAD galt: dem Austausch mit Ostasien. Fünf Abschnitte der 33 Jahre im DAAD galten dieser Region, vier davon Japan; und in dreien, insgesamt 13 Jahre, habe ich tatsächlich in Japan gelebt. 1972 wurde ich von der Büroarbeit beurlaubt und war DAAD-Lektor an der Universität Nagoya - also doch noch germanistischer Lehrer!. Ich habe allerdings in den drei Jahren dort viel für die Verwaltungsaufgaben des DAAD gearbeitet und zum Beispiel die Außenstelle Tokyo mit vorbereitet. Für mein Privatleben waren diese Jahre ohne Zweifel die glücklichste Phase! 1983 übernahm ich dann die Leitung der Außenstelle selbst für fünf Jahre, 1994 noch einmal für denselben Zeitabschnitt. Ich habe es als wunderbar empfunden, daß der DAAD anders als das Auswärtige Amt seine Mitarbeiter nicht nach Gutdünken in die Welt versetzt, sondern es ihnen gestattet, sich auf die Außenstellen zu bewerben, und sogar mehrmals für dieselbe, dies freilich mit Unterbrechung durch Arbeitsperioden in der Bonner Zentrale. Meiner persönlichen Neigung, die immer wieder durch meine japanische Ehefrau Yoshie gestärkt wird, konnte ich also leicht nachkommen. Ich bin dem DAAD dankbar dafür. Leider habe ich in Japan zwar glückliche, arbeitsame und auch erfolgreiche, aber doch bei weitem nicht so erfolgreiche Jahre verbringen können, wie in meinem Wirken für Frankreich, China, Polen, Rußland und Osteuropa überhaupt, von meiner deutsch-deutschen Tätigkeit ganz zu schweigen. Zwar hat sich der anfangs sehr begrenzte Austausch mit Japan in dieser Zeit vervielfacht, doch ist er bedrückend weit von dem entfernt, was der wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Bedeutung der beiden Länder entsprechen würde. Ich habe unter diesem Faktum gelitten, mußte aber auch erkennen, daß persönlicher Arbeitseinsatz eines DAAD-Angestellten nichts nützt, wenn die politischen Konstellationen nicht in dieselbe Richtung weisen. Die Frustration mit Bezug auf Japan war aber nicht so groß, daß sie mir mein Vergnügen, für dieses Land zu arbeiten, vergällt hätte. Aber rundum glücklich wäre ich heute nur dann, wenn die Austauschzahlen, das habe ich gegen Ende meiner Tätigkeit oft gefordert, mindestens fünfmal höher wären als sie sind.
Dadurch, daß ich von 1969 bis 1999 immer wieder für den deutsch-japanischen akademischen Austausch zuständig war, ist mir aber etwas anderes umso bewußter geworden: welche Bedeutung die Auslandsaufenthalte für die jeweiligen Stipendiaten wie auch für ihre Heimatländer insgesamt haben. Da ich mit vielen der japanischen wie deutschen "Ehemaligen" nun seit Jahrzehnten verbunden bin, habe ich die positiven Auswirkungen beobachten können, nicht nur im jeweiligen Einzelfall, sondern viel mehr noch in der Synergie-Wirkung beim Zusammentreffen mehrerer von ihnen. Auch den Betroffenen ist dies so bewußt geworden, daß sie spontan und dann von Seiten des DAAD ermutigt Zusammenschlüsse gebildet haben, die für die Dynamik der Förderungsszene vorbildlich waren und mittlerweile in vielen Ländern nachgeahmt werden. Ich glaube, daß die Freundesvereinigung der Ehemaligen Stipendiaten des DAAD in Japan, DAAD Tomonokai, der bestorganisierte und erfolgreichste Alumni-Kreis der Welt ist. Seine mehr als 1000 Mitglieder haben nicht nur rege Anteil an der Arbeit des DAAD in Japan und Deutschland, sondern unterhalten sogar eine eigene "Stiftung zur Förderung deutscher Studenten (Doitsu ryugaku enjo kikin)". Zur Zeit werden jährlich zwei deutsche Studierende zu mehrmonatigen Aufenthalten in Japan eingeladen. Das Beispiel der japanischen DAAD-Alumni hat mich zu der Überzeugung kommen lassen, daß die Initialförderung durch den DAAD und seine Partnerorganisationen zwar weiterhin unverzichtbar ist, daß aber das eigentlich Wichtige erst danach geschieht, in den 40 oder 60 Jahren, die die ehemaligen Stipendiaten nach ihrem Auslandsaufenthalt in ihrer Heimat als Hochschullehrer, Industrielle oder Angehörige anderer akademischer Berufe als Multiplikatoren aller Art in ihrem sozialen Umfeld verbringen. Hier sehe ich für den DAAD ein wachsende sekundierende Aufgabe.

Der DAAD
Ich zögere, die Selbstdarstellung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes e.V. (DAAD), wie sie in einer Broschüre vor mir liegt, hierher abzuschreiben, denn viel besser wäre es ja, über den unten gegebenen DAAD-Link selbst in die offiziellen Verlautbarungen des DAAD hineinzuschauen. Also lasse ich statt dessen eine kurze freie Version folgen, wie ich sie oft den neuen Stipendiaten vorgetragen habe.
Der DAAD wurde 1925 gegründet, also in einer Zeit, als nach dem sinnlosen und schrecklichen Ersten Weltkrieg die Einsichtigen neue Wege vorschlugen, die Gefahr des Nationalismus zu überwinden. Ich halte es für sehr wichtig, das zu betonen, weil es die Situation Deutschlands insgesamt besser verstehen läßt. Mir ist es bis heute ein Trost, daß es in den Jahren des Aufstiegs des Nationalsozialismus eine so deutliche und zunächst auch sehr erfolgreiche Gegeninitiative deutscher Intellektueller gegeben hat, über die Grenzen hinweg Verständigung zu schaffen. Zwar wurde der DAAD von der Regierung der Nationalsozialisten bald "gleichgeschaltet" und dann vom Krieg vernichtet, doch erstand er danach im Jahre 1950 auf dieser helfenden Basis als eine der ersten deutschen Organisationen mit internationalem Charakter neu. Wenn man heute, wo der DAAD groß wie ein Ministerium geworden ist, auf das Konzept der Wiedereinrichtung zurückblickt, muß man die Vorstellungskraft der Gründer bewundern: Sie schufen einen privatrechtlichen Verein der Hochschulen ohne eigene Mittel, der Stipendien vergeben, aber das Geld dafür von den verschiedenen Bundesministerien, von den Bundesländern und von privaten Quellen einzuwerben hatte, was umso schwieriger sein mußte, als die Kultur- und Erziehungshoheit auf die Bundesländer verteilt worden war (denen die Mitgliedshochschulen des DAAD direkt unterstellt waren), während es doch darum ging, mit überwiegend zentralistisch regierten Partnerländern Kontakte aufzubauen. Vielleicht war es aber gerade das Komplizierte dieser Lage, was die Begründung des DAAD als "Mittlerorganisation" in vieler Hinsicht unersetzlich und zu einer international vorbildlichen Einrichtung gemacht hat.
Auch die innere Funktionsweise der Geschäftsstelle des DAAD in Bonn, bis hin zur Entscheidung über jede einzelne Stipendienvergabe, die ein Spiegel dieser äußeren Struktur sein mußte, hat mich immer fasziniert: Alle Entscheidungen wurden und werden von hunderten von Professoren der deutschen Hochschulen getroffen, die zu diesem Zweck immer wieder nach Bonn reisen, unentgeltlich tagelang über den von uns Angestellten aufgearbeiteten Bewerberakten brüten, so weit, daß es uns dann nur noch blieb, das Entschiedene mitzuteilen und die Gelder fließen zu lassen. Besonders erstaunlich war, daß auch die Förderungsprogramme, die oft von uns vorgeschlagen und kalkuliert, aber doch von den Geldgebern durch die Bewilligungsbedingungen ihrer Mittel mitgesteuert und nicht zuletzt von den politischen Bedingungen abhängig waren, meist das nach meinem Gefühl "Richtige" trafen - oder zumindest doch in der Hinsicht, daß "Falsches" durchweg vermieden werden konnte. Auf diese Weise war durch die Konstellation des DAAD innerlich wie äußerlich wohl eigentlich immer sichergestellt, daß Makro- oder Mikro-Frustrationen gering blieben, eine beneidenswerte Voraussetzung für Erfolg und Anerkennung, auch aus der Sicht der Mitarbeiter des Sekretariats. Möglicherweise ist das auch der Grund dafür, daß die Geschäftsstelle des DAAD ständig Zugänge und viel weniger Abgänge hatte und die Verweildauer der Mitarbeiter so lang war wie bei kaum einer anderen Einrichtung der akademischen Verwaltung Deutschlands sonst!
Nun doch noch einige Zahlen, die die Behauptung von Erfolg belegen, aber doch auch andeuten können, welch harte Arbeit oft die Bewältigung der Massen nötig gemacht hat: Heute hat der DAAD gegen 470 Mitarbeiter, hat insgesamt 16 Außenstellen (in Jakarta, Kairo, London, Moskau, Nairobi, New Delhi, New York, Paris, Peking, Rio de Janeiro, San José, Tokyo, Warschau, sowie Kiew, Jerusalem, Wits-Südafrika) und fördert jährlich etwa 60.000 Personen (davon ca. 34.000 Deutsche und 26.000 Ausländer)! Sein Etat betrug im Jahre 1999 laut DAAD-Bericht 422 Millionen DM.

DAAD-Links
Den DAAD erreicht man am besten über seine Homepage, die wiederum gute Möglichkeiten bietet, virtuell zu Hochschulen in der ganzen Welt zu reisen. Ihre Adresse: www.daad.de/
Die DAAD-Außenstelle Tokyo, die ich so lange geleitet habe, kann man natürlich auch über die Heimat-Homepage des DAAD erreichen; direkt geht es aber noch einfacher: www2.daad.de/tokyo/

Einige meiner DAAD-Veröffentlichungen
Studienführer Osteuropa.
DAAD, Bonn 1979
(Hrsg.:) Austausch mit der Volksrepublik China: Möglichkeiten für Studium, Forschung und Lehre. Dokumentationen & Materialien 1, DAAD, Bonn 1983
80 Jahre Austausch mit China. In: Pädagogik und Schule in Ost und West 3/83, S. 43-49. Düsseldorf 1983
Das Erziehungssystem Japans aus westdeutscher Sicht (Nishidoitsu no Kyoikukan). In: IDE Gendai no Kokokyoiku 260, S. 48-64, Tokyo 1985 (in japanischer Sprache)
(Hrsg.:) 50 Jahre/30 Jahre Austausch mit Japan: Erinnerungen japanischer Wissenschaftler und Künstler an ihre Studienzeit in Deutschland. DAAD, Tokyo 1985
(Hrsg.:) Deutsche Japanexperten: Verzeichnis der Japan-Stipendiaten deutscher Austauschprogramme 1937-1986. DAAD, Tokyo 1986
Reformgedanken und ein blühendes Fach. Anmerkungen zur japanischen Germanistik. In: Doitsu Bungaku 81, S. 152-156, Tokyo 1988
Deutsch-polnischer Hochschulaustausch. In: Aspekte des Miteinanders. Zu den kulturellen Beziehungen zwischen Polen und der Bundesrepublik Deutschland. Zeitschrift für Kulturaustausch 4, S. 462-465, Stuttgart 1989
Deutsch (Deutsch als Fremdsprache, Germanistische Forschung, Deutschlandbezogene Studien) in Japan. In: Deutsche Sprache 4/1989, S. 341-351, Berlin 1989
(Gemeinsam mit Oliver Corff:) Studienführer Japan. DAAD, Bonn 1989

Einige DAAD-Fotos
Sie zeigen
(von links nach rechts):
den DAAD-Präsidenten Professor Berchem mit mir als Begleiter im Gespräch mit dem Minister für Hoch- und Fachschulwesen der DDR, Professor Böhme (im Mai 1989);
Dierk Stuckenschmidt mit Dr. Gregor Berghorn bei der Abholung der Russen in Frankfurt;
DAAD-Generalsekretär Dr. Bode und seinen Stellvertreter Dr. Hellmann und einige meiner Kollegen bei der Tagung der DAAD-Außenstellenleiter im Sommer 1998 im neuen Sitzungssaal des DAAD (im Hintergrund sieht man die japanische Steinlaterne);
eine Vorstandssitzung des DAAD Tomo no kai in Tokyo unter dem Vorsitz seines Präsidenten Professor Ishikawa im Frühjahr 1999;
Professor Hisashi Yoshida, den Gründungspräsidenten des DAAD Tomo no kai, und seine Gattin neben der von ihnen geschenkten Steinlaterne im japanischen Dachgarten des DAAD in Bonn; die Laterne hat vorher 40 Jahre lang im Garten der Familie Yoshida in Tokyo gestanden.

bei DDR-Minister Böhme Abhlung der Russen DAAD-Außenstellenleitertreffen Vorstand Tomonokai Das Ehepaar Yoshida und die DAAD-Steinlaterne

Die DAAD-Fanfare (in Vorbereitung)
Auch dies ist eine meiner DAAD-Veröffentlichungen: Aus Anlaß des Treffens japanischer ehemaliger DAAD-Stipendiaten der musikalischen Fachrichtungen am 23./24 Mai 1996 in Tokyo fanden zwei Konzerte statt: eines mit klassischer Musik, eines mit Kompositionen der Stipendiaten selbst. Den Mitschnitt dieses zweiten Konzerts habe ich als CD herausgegeben. Von drei Vertonungen zum Motiv "d-a-a-d", einem besonderen Geschenk der Komponisten an den DAAD zu diesem Ereignis, erklingt auf Anklicken (sobald ich das Eingeben technisch geschafft habe, hoffentlich) 32 Sekunden lang die "Fanfare DAAD" von Isao Matsushita, einem der führenden jüngeren japanischen Komponisten, gespielt von den DAAD-Ehemaligen Kenji Tamiya, Jun Hasegawa und Koichi Mito, Trompeten.



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